Mit Tentations d'Abélard, die 1993 auf den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt wurden, knüpft Michael Riessler an sein Jazz-Projekt Héloise an. Auch bei Tentations d'Abélard bewegt sich das Prinzip des Improvisierens nicht nur innerhalb von Thema und Harmonie, sondern auch im Bereich historischer Stile der europäischen Musiktradition bis zurück zum Mittelalter. Durchaus heterogene Stile greifen kaleidoskopartig ineinander, ohne im reinen Collagieren zu zersplittern. Inspiration für das Projekt war die dramatische Leidensgeschichte des Philosophen Pierre Abélard und seiner Schülerin und späteren Mitstreiterin Héloise, deren Briefwechsel als einzigartiges Dokument mittelalterlicher Autobiographik gilt. Dennoch ist die Musik von Tentations d'Abélard alles andere als Programmmusik über ein mittelalterliches Thema, sondern besteht aus Improvisationen, die eben auch aus einem anderen, nicht-historischen Zeitbegriff entstanden sind. Michael Riessler äußert sich zu seinem Projekt folgendermaßen: Der Begriff des 'experimentum' gehört für Pierre Abélard nicht in den Bereich der Wissenschaft, sondern der Lebenspraxis. Zeit ist für Abélard nicht linear. So sind es Augenblicke, nicht historische Ereignisse, die körperliche Versuchungen und geistige Konflikte bestimmen.. Riessler wird hier von Michel Godard, Marco Ambrosini u.a. unterstützt.