Live at the Lithuanian National Philharmony Vilnius 2005

Live at the Lithuanian National Philharmony Vilnius 2005

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Musik, egal welchen Genres, ist immer dann am eindringlichsten, wenn sie uns eine Geschichte über uns selbst erzählt. Die narrative Freiheit, Assoziationsfelder jenseits vorgegebener Bilder zu erspielen, will jedoch immer wieder neu erstritten werden. In den siebziger Jahren galt der Pianist Vyatcheslav Ganelin als Ausnahmefall. Im sowietischen Litauen partizipierte er an einer Musik, die man unhinterfragt Free Jazz nannte. Die Kühnheit der intuitiven Erfindungskunst des Ganelin Trios war im europäischen Jazz ohne Vergleich. Das Trio verfügte über einen schier unerschöpflichen Reichtum an Klängen, Ornamenten, spontanen Weichenstellungen, offenen Strukturen, Dramaturgien und Funktionsverschiebungen innerhalb der Band. Jede Performance wurde zur Genesis. Ganelin und seine beiden Kompagnons, Saxofonist Vladimir Chekasin und Drummer Vladimir Tarasov, definierten den Begriff der Improvisation neu, indem sie völlig ohne Versatzstücke auskamen. Die Reibung zwischen innerer Freiheit und äußerer Unfreiheit löste Eruptionen aus, deren Formen von romantischer Elegie bis zu rasender Wut reichte – und doch von ihren Schöpfern zu jedem Zeitpunkt unter Kontrolle gehalten wurde. Gehört wurde das Ganelin Trio vor allem im Westen, denn das Postulat der uneingeschränkt freien Äußerung ohne jegliche Zielvorgabe hätte Revolutionen auslösen können. Von einem auf den anderen Tag wurde es still um Vyatcheslav Ganelin. Kurz bevor sich Ende der Achtziger die politischen Vorzeichen in Europa unumkehrbar ändern sollten, zerfiel das Trio und der Pianist verschwand in Israel. Die Zeiten wurden schnelllebiger, die real existierende Marktwirtschaft ließ wenig Gelegenheit zum Träumen. Nach dem Ende der großen Visionen brauchte niemand mehr die ausladenden Formate eines Vyatcheslav Ganelin. Wie in jeder seiner Improvisationen, so war der Pianist auch im Leben feinfühlig genug, exakt den Zeitpunkt für das Ende einer künstlerischen Aussage zu bestimmen. Mit Saxofonist Petras Vysniauskas, der zweiten Integrationsfigur des litauischen Jazz, und dem deutschen Schlagzeuger Klaus Kugel gibt es jetzt ein neues Ganelin Trio. Ist da Nostalgie im Spiel? Warum nicht? Es hieße die baltische Seele sträflich zu verkennen, wollte man ihr nicht bei jeder ihrer Äußerungen einen Bodensatz an Nostalgie zubilligen. Doch die Zeitlosigkeit in Ganelins Musik – damals wie heute – besteht eben genau darin, diese unstillbare Sehnsucht in eine produktive Kraft zu transformieren. Ganelin, Vysniauskas und Kugel sind keine platten Avantgardisten, die hinter sich alle Brücken abbrechen, um allein einer Ästhetik der Zukunft Tribut zu zollen. Sie bedienen sich der Methodik des amerikanischen Jazz, um selbstbewusst in die Tiefen der europäischen Musiktradition zu lauschen. So fördern sie die großen Gesten des Barock zutage, verinnerlichen den schmerzvollen Individualismus der Romantik und rekapitulieren die unbekümmerte Leichtigkeit von Volksliedern. Eine transeuroäische, intertraditionelle und multibefindliche Improvisationsmusik, nicht weniger. Was weiter oben über den spielerischen Fundus des alten Ganelin Trios gesagt wurde, trifft ohne Einschränkungen auch auf die neue Formation des Pianisten zu. Mit Vysniauskas und Kugel ist Ganelin vielleicht etwas weniger missionarisch und kämpferisch als in den Siebzigern. Doch in einer Epoche der Euphemismen, in der sich alle Fronten verklärt und aufgelöst haben, sind präzise übersetzbare Statements nur noch für unverbesserliche Idealisten relevant. Das Ganelin Trio von heute schöpft aus der Vielfalt der Lebens eine noch größere Fülle der Möglichkeiten und Perspektiven. Indem es sich nicht dem überstrapazierten Primat des Augenblicks beugt, sondern in jedem spielerischen Moment die Freiheit des gesamten Prozesses impliziert, ist auch das neue Ganelin Trio ohne Vergleich in der europäischen Musik. Wolf Kampmann